Eisenbahnreisen USA

Zugfahrten in Amerika lassen sich nicht mit europäischen Verhältnissen vergleichen. Obwohl die Eisenbahn im vorletzten Jahrhundert die Erschließung des Landes erst möglich gemacht hat, ist heute nur noch ein dünnes Netz an Personenverkehr übrig geblieben, während der Güterverkehr unvermindert durch das Land rollt.
Abgesehen vom Nordosten der USA, wo es einen sehr regen Verkehr, teilweise sogar mit Hochgeschwindigkeitszügen gibt, der die Städte Boston, New York City, Philadelphia und Washington D.C. verbindet, fahren die meisten Fernverkehrszüge nur einmal am Tag, manche nur drei Mal pro Woche. Dafür hat sich die Reise mit dem Zug gerade auf diesen Strecken zu einer touristischen Attraktion entwickelt, die selbst im autoverliebten Amerika eine wachsende Anhängerschaft findet.
Der gesamte Schienenfernverkehr in den USA wird von der halbstaatlichen Gesellschaft Amtrak abgewickelt, die trotz sinkender staatlicher Subventionen ein Eisenbahnnetz aufrecht erhält, das fast alle wichtigen Großstädte und einige touristisch interessante Regionen direkt oder über Anschlussbusse verbindet, so dass man zwischen vielen interessanten Streckenabschnitten, aber auch ganzen Rundreisen wählen kann.

Zugfahrten in den USA sind kein billiges Vergnügen, aber es gibt eine ganze Reihe von Vergünstigungen, die sich bei geschickter Planung nutzen lassen. So werden auf der Amtrak-Homepage jede Woche Spezialpreise für bestimmte Streckenabschnitte angeboten, die man online buchen kann und gegenüber dem Normalpreis hohe Ermäßigungen bieten.
Möchte man viele Strecken mit dem Zug fahren oder plant eine Rundreise, sollte man sich unbedingt einen USA Rail Pass besorgen, der nur für Nicht-Amerikaner erhältlich ist. Man kann zwischen verschiedenen Regionen wählen oder die gesamte USA bereisen. Die Pässe gibt es für 15 oder 30 aufeinander folgende Tage, für den Nordosten auch kürzer. Beachten muss man aber, dass man vor Fahrtantritt am Amtrak-Schalter kostenlose Tickets für die jeweiligen Strecken holen muss, da der Pass allein nicht als Fahrkarte gültig ist.
Einzelfahrkarten und Reservierungen können vor Ort am Schalter oder Automaten, aber auch online oder telefonisch gekauft werden. Die Rail Pässe kauft man am besten vor Fahrtantritt in Deutschland, da die meisten Pässe in den USA nicht verkauft werden. Die Pässe gibt es bereits in vielen deutschen Reisekatalogen, man kann sich aber auch an die offiziellen Amtrak-Partner-Reisebüros (MESO, CRD) wenden, die zusätzlich auch Fahrkartenkäufe und Reservierungen vornehmen können.

Fast alle amerikanischen Langstreckenzüge sind reservierungspflichtig, wobei dies nicht wie in Europa einen bestimmten Platz einschließt. Vielmehr erhält man damit nur eine Satzplatzgarantie, da es keine Stehplätze gibt. Die Vergabe der Plätze im Zug liegt im Ermessen des Zugchefs. Bei leeren Zügen sucht man sich in der Regel selbst einen Platz, meist bekommt man aber beim Einsteigen am Bahnsteig oder in großen Banhhöfen bereits am Gate einen Platz zugewiesen. Familien und Gruppen sitzen in der Regel immer zusammen. Alle Sitzplätze befinden sich in Fahrtrichtung.
Gerade in den größeren Stationen wartet man nicht am Bahnsteig auf den Zug, sondern sammelt sich am Gate, um dann wie auf dem Flughafen per Aufruf in den Zug zu steigen. Familien mit Kindern werden genauso bevorzugt wie Behinderte und natürlich First Class-Passagiere.
Amtrak unterscheidet zwischen drei Klassen: Die Coach Class ist die unterste Stufe mit normalen Sitzplatzwagen. In der Business Class in Tageszügen geht es etwas bequemer und meist auch ruhiger zu, in manchen Zügen sind auch Tageszeitung oder Getränke inklusive. Alle Nachtzüge führen auch die First Class, in der man ein eigenes Abteil hat, dass nachts zu bequemen Betten umgebaut wird. Neben der bevorzugten Behandlung vor und während der Fahrt sind alle Mahlzeiten inklusive und man kommt in den Genuss einer Dusche entweder im Abteil oder im Wagen. Dafür ist der Aufpreis gegenüber der Coach Class gewaltig, vor allem je näher das Abfahrtsdatum rückt. Außerdem ist auf beliebten Strecken eine frühzeitige Reservierung der First Class sehr wichtig.

Für die teilweise extrem langen Fahrzeiten von bis zu drei Tagen sind die Züge gut ausgerüstet. Nahezu alle Züge verfügen über ein Bistro oder Cafe an Bord, in dem man Burger, Hot Dogs, Sandwiches, Salate und sonstige Snacks sowie kalte und heiße Getränke zu bezahlbaren Preisen erhält. In den Nachtzügen gibt es zusätzlich einen Speisewagen, der vor allem abends immer gut besucht ist. Dort werden alle Speisen, oft auch regional angepasst, frisch zubereitet, so dass sich das Preis-Leistungs-Verhältnis mit normalen amerikanischen Restaurants messen lassen kann.
Die meisten Langstreckenzüge im Westen haben dazu eine Sightseer Lounge mit teilverglastem Dach und großen Panoramafenstern. Abends werden dort Videos gezeigt und eine Bar eröffnet. In vielen Zügen werden im Cafe auch Kinderspiele ausgeliehen. Manchmal kommt ein Ranger von einem nahe gelegenen Nationalpark an Bord, um auf regionale Besonderheiten aufmerksam zu machen.
Die Sitzplätze selbst in der einfachsten Klasse sind sehr komfortabel und geräumig und mit Leselampe, Fuß- oder Lendenstütze und verstellbare Lehne ausgerüstet. Das Platzangebot entspricht mindestens der Business Class im Flugzeug, so dass sich die Nacht auch im Sitzplatzwagen ganz gut verbringen lässt. Ausreichend Toiletten und Waschräume, die immer in einem vernünftigen Zustand sind, findet man in jedem Wagen, Duschen dagegen nur in der First Class.

Mit Ausnahme der Strecken im Nordosten mietet Amtrak die übrigen Abschnitte nur von Privatunternehmen an. Diese bevorzugen aber immer den Güterverkehr, der wesentlich höheren Profit abwirft. Entsprechend kommt es gerade auf den Fernstrecken häufiger zu Verspätungen, teilweise sogar von mehreren Stunden. Diese sollte man bei der Planung einer Eisenbahnreise berücksichtigen, um nicht mitten in der Nacht anzukommen.
Anschlüsse zwischen zwei Zügen garantiert Amtrak daher auch nur bei einer Übergangszeit von mindestens einer Stunde, im Nordosten sogar 90 Minuten. Kürzere Anschlüsse müssen im Fahrplan so angegeben sein. Verpasst man einen garantierten Anschluss sorgt Amtrak schnell und unbürokratisch für Ersatz, man sollte dies dem Schaffner aber rechtzeitig mitteilen, da oft auch vor dem eigentlichen Umsteigehalt Busse bereitgestellt werden, um dem Anschluss den Weg abzukürzen.
Eine Ausnahme dieser Regel gilt für die sogenannten Thruway-Busse. Das sind Anschlussbusse, die per Vertrag gebunden sind, den Zug auch bei großen Verspätungen abzuwarten. Die Busse können meist nur in Verbindung mit einem Zugticket reserviert werden, Rail Pässe werden aber mit kostenlosem Amtrak-Ticket fast überall akzeptiert.

Neben den Zielen einer Eisenbahnfahrt ist die Strecke selbst häufig das Ziel der Mitreisenden. Viele Züge fahren durch sehenswerte Landstriche der USA, die abseits der üblichen Touristenrouten liegen. Zu den besonderen Eindrücken gehören vor allem die Fahrt mit dem California Zephyr zwischen Denver und Sacramento, mit dem Southwest Chief von Albuquerque nach Flagstaff, dem Empire Builder entlang des Mississippi River und durch den Glacier National Park oder dem Coast Starlight zwischen Santa Barbara und San Luis Obispo. Aber auch die meisten anderen Routen führen durch typische amerikanische Kleinstädte, durch die verschiedenen Klima- und Vegetationszonen oder über spektakuläre Brücken.
Wichtiges Element der Eisenbahnreisekultur in den USA ist auch die Geselligkeit. Gerade auf den längeren Strecken kommt man sehr schnell in Kontakt zu den Mitreisenden, sei es beim Dinner im Speisewagen oder einem Bier im Aussichtswagen. So oder so sind Zugfahrten in Amerika eher als eigenständiges Erlebnis zu sehen als pure Bewegung von A nach B.

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